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    Nachricht vom 08.08.19 | Designers' Open

    „Nachhaltigkeit ist kein Trend. Sie ist eine neue Grundlage für unser gesellschaftliches Miteinander.“

    Niels Holger Wien arbeitet als Trendforscher und beschäftigt sich seit vielen Jahren mit den gesellschaftlichen und gestalterischen Fragen von Nachhaltigkeit. Im Rahmen der Designers’ Open kuratiert er den Schwerpunkt „DO! Future Matter“. In Vorträgen, einer Sonderschau und Ausstellungsangeboten werden Materialien für unsere Zukunft vorgestellt. Wir haben mit Niels Holger Wien über die Intention und die gesellschaftliche Aufgabe gesprochen.

    Herr Wien, was verbindet Sie mit dem Thema Nachhaltigkeit?

    Ich begleite seit vielen Jahren als Trendforscher Designer in der Mode – eine Industrie, die sich noch zu wenig mit den Fragen der Nachhaltigkeit beschäftigt. Die Entwicklung von Fast Fashion in den letzten 30 Jahren – und unser damit gewachsenes Konsumverhalten haben nichts mit nachhaltigen Prinzipien zu tun. Gerade wegen der Ausmaße dieser Industrie sollten Materialeinsatz und das Recycling zu nachhaltigen Grundfragen gehören, eben auch, weil hier besonders viel experimentiert wird. Das Thema Nachhaltigkeit in Verbindung mit Materialrecherchen ist sozusagen schon seit Langem eine Basis meiner Arbeit.

    „DO! Future Matter“ ist der diesjährige Schwerpunkt der Designers’ Open. Was genau ist es denn, was für unsere Zukunft zählt?

    Unsere (westliche) Gesellschaft führt seit Jahren einen Lebensstil, der die natürlichen Ressourcen übermäßig ausbeutet. Einmal im Jahr wird dazu der „Earth Overshoot Day“ von Wissenschaftlern berechnet. Bis zu diesem Tag wurden alle natürlichen Ressourcen verbraucht, die innerhalb eines Jahres auch wieder nachwachsen könnten. 2019 war dies für Deutschland bereits Anfang Mai der Fall – vor 50 Jahren war dies erst Ende des Jahres. Wir leben so, als ob es für unsere Ressourcen eine zweite Erde gäbe. Wir müssen unser Konsumverhalten grundsätzlich ändern. Deshalb ist Nachhaltigkeit kein Trend, sondern eine neue Grundlage für unser gesellschaftliches Miteinander. Nur wenn wir sorgsam mit den lokalen und weltweiten Ressourcen umgehen, können wir überhaupt eine gemeinsame Zukunft planen. Was können die Materialien der Zukunft sein?

    Was heißt das ganz praktisch?

    Wir haben uns daran gewöhnt, zu viele Dinge zu häufig und zu schnell konsumieren, sie aber nicht lange genug zu nutzen bzw. sie komplett zu verbrauchen. Viele Produkte und Materialien sind viel langlebiger als unsere Nutzungsdauer. Oder genau das Gegenteil: Wir kaufen Dinge extrem preisaggressiv und wenn wir sie dann nach kurzer Zeit wegwerfen, denken wir nicht über ihr Recycling nach. Für viele Dinge gibt es noch gar keine Möglichkeiten zum Recyceln. Genau dafür müssen wir aber unser Bewusstsein schärfen! Nachdenken übers Einkaufen, übers Nutzen und Wegwerfen! Nachdenken und Nachfragen.

    Welche Aufgabe nehmen hierbei Designer ein?

    Designer jüngerer Generationen, wie sie zahlreich auf den Designers’ Open zu finden sind, wurden mit dem Thema Nachhaltigkeit schon in ihrer Ausbildung konfrontiert und haben das deutlich mehr verinnerlicht. Gerade sie fangen bei ihrer Produktentwicklung oft bei null an, und versuchen ihre Materialien selbst zu erfinden. Es geht ihnen um alternative Ressourcen, die möglichst wiederverwendbar sein sollen oder weniger schädlich für die Umwelt sind. So eine bewusste Einstellung sollte für alle Produktentwicklungen der gestalterische Imperativ sein. Designer gestalten nicht nur Produkte, sondern auch, wie wir mit ihnen umgehen, wie wir sie nutzen können. Sie übernehmen damit auch Verantwortung für unsere Kultur der Dinge. In einer Zeit, in der Ressourcen knapper werden, wird es zum politischen Statement, wie wir Ressourcen einsetzen. Ich möchte ein Beispiel geben: Das Auto, wie wir es heute fahren, existiert im Prinzip seit etwa 100 Jahren. Würde jemand mit heutigem Wissen ein Verkehrsmittel entwickeln, wäre das vermutlich kein individuelles Gefährt, welches fossilen Kraftstoff verbrennt. Das Wissen um nachwachsende Rohstoffe, um alternative Energien und zur Sharing-Economy setzt einen neuen und anderen Rahmen für Fortbewegungsmittel. Und genau darauf kommt es bei der Produktentwicklung an: Nicht nur Vorhandenes immer wieder zu verbessern, sondern Produkte komplett zu hinterfragen, neu zu denken. Vor 30 Jahren hat zum Beispiel niemand daran gedacht, Algen für die Herstellung von Produkten einzusetzen, inzwischen ist dies ein großes Entwicklungsthema.

    Was bedeutet das für uns als Konsumenten?

    Hier gibt es viele Ansätze, ich möchte zwei kurz anreißen. Wenn wir Produkte in Materialkreisläufen entwickeln, werden wir uns an die Ästhetik recycelter Materialien gewöhnen müssen. Recycelte und kreislauffähige Materialien werden auch unsere Gewohnheiten bezüglich Farben, Formen oder Taktilität ändern. Was aber vielleicht noch einschneidender ist: Wir müssen näher mit Designern und Produzierenden zusammenrücken. In dieser Zukunftsvision entstehen Produkte nur, wenn sie auch nachgefragt, gebraucht und konsumiert werden. Wir werden Prosumer – so heißt dieser Trend – von Konsumierenden zu aktiven Mitgestaltern bei der Produktentwicklung. Digitalisierung kann die Interaktion unterstützen und Produktion (Microfactory) ermöglichen – um nicht sinnlos Dinge zu produzieren, sondern sie möglichst genau unseren individuellen Bedürfnissen anzupassen.

    Was können die Designers’ Open dabei leisten?

    Um diesen Wandel voranzubringen, müssen wir viel mehr über die Verwendung von Ressourcen und deren Knappheit, über mögliche Alternativen und Kreisläufe wissen. Die Designers’ Open sind damit nicht nur Produktpräsentation, sondern hier wird erlebbar, wie der Zeitgeist tickt – wie offen sind wir, unsere Welt nachhaltig zu gestalten. Die Designers’ Open bieten eine Möglichkeit, auf den beginnenden Wandel aufmerksam zu machen und spannende Lösungen von Designern aufzuzeigen. Es gibt sehr viele unterschiedliche Ansätze und Ideen. Ich wünsche mir, dass die Designers’ Open anregen, mehr Fragen zu stellen, nachzudenken, und zu tun. Denn die Zukunft beginnt jetzt

    Über den Schwerpunkt DO ! Future matter

    Einmal im Jahr berechnen Wissenschaftler den „Earth Overshoot Day“. Bis zu diesem Tag wurden alle natürlichen Ressourcen verbraucht, die auf der Erde innerhalb eines Jahres nachwachsen könnten. Während vor 50 Jahren der Tag auf Ende des Jahres datiert wurde, lag er 2019 in Deutschland bereits Anfang Mai. Die Botschaft ist eindeutig: Unser heutiger Lebensstil ist mit den aktuellen Materialien und Ressourcen nicht zu meistern. Wir brauchen neue Materialien und Herstellungsprozesse, neue Wege zu konsumieren – und genau hier sind Designer schon bei der Produktentwicklung gefragt. Unter dem Titel DO ! FUTURE MATTER widmen sich daher die Designers‘ Open diesem Zukunftsthema – mit Sonderausstellungen sowie einem internationalen Vortragsprogramm. Die Designers‘ Open öffnen vom 25. bis 27. Oktober, am Freitag von 12 bis 21 Uhr, am Samstag von 10 bis 19 Uhr sowie am Sonntag von 10 bis 18 Uhr. Tickets gibt es ab 10. September unter www.designersopen.de/tickets. Die Designers‘ Open finden zeitgleich mit der Grassimesse Leipzig (www.grassimesse.de) statt.

    Über die Designers‘ Open

    Mit über 200 Labels, Designern und Newcomern sind die Designers’ Open eine der führenden Designplattformen in Deutschland. In den Bereichen DO/Interior & Furniture. DO/Fashion & Accessories, DO/Research & Industry und DO/Graphic & Media können Privat- und Fachbesucher die facettenreiche Welt des Designs erleben und individuelle Einzelstücke erwerben. Schwerpunkt in diesem Jahr ist das Thema DO ! Future matter – Neue Materialien für unsere Zukunft.


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